Psychiatrie leicht verstehen – Heilpraktiker für Psychotherapie

Mein neues Kurzlehrbuch. Mit 150 Fallgeschichten zu allen wichtigen Krankheitsbildern.

Seit Oktober 2017 ist mein Kurzlehrbuch mit 150 spannenden, einprägsamen Fallgeschichten auf dem Markt. Es ist beim Elsevier-Verlag erschienen und kostet im Buchhandel € 39,99.

Die folgende Amazon-Rezension fasst die wesentlichen Merkmale des Buchs in Kürze zusammen:

Amazon Top-Kundenrezensionen

Alles was ich seit Monaten gesucht habe in einem Buch. Vom 9.11.2017

Nach wenigen Seiten von „Psychatrie leicht verstehen“ fühle ich richtig Euphorie. Ich sammle seit 4 Monaten Unterlagen und kaufe alles was ich auf Amazon finden kann um für die „kleine Heilpraktiker“-Prüfung zu lernen und war immer unsicher, von welchem Gebiet wie viel Wissen notwendig ist. Oft war ich verängstigt oder enttäuscht. Jetzt habe ich zum ersten Mal den Eindruck eine sehr klare Übersicht und alle notwendigen Erklärungen in einem Buch zu finden. Ich nehme eine große Welle von Optimismus wahr und lerne gleich 6 Stunden durch. Jedes Fremdwort wird erklärt, jede Störung mit einer Beispielgeschichte illustriert und gleichzeitig verdeutlichen klare Grafiken Zusammenhänge und Unterschiede. Es gibt Merkhilfen und Eselsbrücken, die Reihenfolge des Materials fühlt sich stimmig an. Begriffe werden sinnvoll eingeführt und meine Neugier wird immer wieder aufs Neue geweckt. Es ist mir seit Tagen eine große Freude mit diesem Buch zu lernen.
Vielen Dank für dieses fantastische Werk!

Um einen Eindruck vom Aufbau und der farblichen Gestaltung des Buchs zu bekommen, habe ich in der Folge ein Unterkapitel aus der Lerneinheit Persönlichkeitsstörungen ausgewählt:

6.11 Paranoide Persönlichkeitsstörung

Der Begriff „paranoide Persönlichkeitsstörung“ kann zu Verwirrung führen, denn das Wort „paranoid“ wird hier in anderer Bedeutung verwendet als beim Krankheitsbild der „paranoiden“ Schizophrenie“. Wie in der Lerneinheit über die schizoide PS ausgeführt, bedeutet die griechische Endung „-oid“: „ähnlich, aber nicht dasselbe“, das Adjektiv „paranoid“ demzufolge: ähnlich wie Paranoia (= Wahn), aber nicht dasselbe. Da das Störungsbild aus dem amerikanischen Diagnosehandbuch DSM-III übernommen wurde, ist es vielleicht interessant zu erfahren, was „paranoid“ im Englischen bedeutet. Alle einsprachigen Lexika führen zwei Bedeutungen von „paranoid“ an:

1. A mental condition characterized by delusions of persecution (ein Geisteszustand, der durch Verfolgungswahn gekennzeichnet ist)
2. Unjustified suspicion and mistrust of other people (ungerechtfertigtes Misstrauen und ungerecht-fertigte Verdächtigungen gegenüber anderen Menschen)

Die zweite Bedeutung des Wortes bringt die zentrale Symptomatik der paranoiden PS auf einen Punkt: Die Betroffenen sind extrem misstrauisch, verdächtigen andere, ihnen schaden zu wollen und reagieren übermäßig empfindlich oder streitsüchtig auf eine vermeintliche Missachtung der eigenen Person. Selbst Ehepartner oder Familienangehörige werden verdächtigt, untreu zu sein oder sich mit anderen gegen die eigene Person verschworen zu haben. Die Betroffenen leiden allerdings nicht an einem „echten“ Verfolgungswahn mit den hierfür typischen Merkmalen, sonst hätten die Betroffenen eine wahnhafte Störung.

Diagnostische Kriterien nach ICD-10
A1 Zeitdauer: Von Kindheit/Jugendalter bis zur Gegenwart andauernd.
A2: Abnorme Verhaltensmuster in den Bereichen Affektivität, soziales Handeln und Kognitionen („Alle sind gegen mich“)
B. Mindestens vier der Merkmale 1-7 müssen vorhanden sein:
1. Übertriebene Empfindlichkeit auf Rückschläge und Zurücksetzungen
2. Neigung, dauerhaft Groll zu hegen, das heißt Beleidigungen, Verletzungen oder Missachtungen werden nicht vergeben;
3. Misstrauen und eine anhaltende Tendenz, Erlebtes zu verdrehen, indem neutrale oder freundliche Handlungen anderer als feindlich oder verächtlich missdeutet werden;
4. streitsüchtiges und beharrliches, situationsunangemessenes Bestehen auf eigenen Rechten;
5. häufiges ungerechtfertigtes Misstrauen gegenüber der sexuellen Treue des Ehe- oder Sexual¬partners;
6. ständige Selbstbezogenheit, besonders in Verbindung mit starker Überheblichkeit;
7. häufige Beschäftigung mit unbegründeten Gedanken an „Verschwörungen“ als Erklärungen für Ereignisse in der näheren Umgebung des Patienten oder der Welt im Allgemeinen.

Zusatzmerkmale nach DSM-5:
8. verdächtigt andere ohne Grund, ihn auszunutzen, zu schädigen oder zu täuschen
9. reagiert bei vermeintlichen Angriffen auf die eigene Person schnell mit Wut und Aggression und startet rasch einen Gegenangriff
10. vertraut sich nur zögernd anderen Menschen an, aus ungerechtfertigter Angst, die Informationen könnten in böswilliger Weise gegen ihn/sie verwendet werden.


Wichtig zu wissen

Prävalenz
Die Häufigkeit der paranoiden Persönlichkeitsstörung in der Allgemeinbevölkerung wird je nach Untersuchung zwischen etwa 0,5 und 2 % angegeben. Bei den Patienten in Fachkliniken finden sich deutlich mehr Betroffene (mehr als 10 %). Männer sind häufiger betroffen als Frauen.
Ätiologie
Das Hauptmerkmal der paranoiden PS ist das Gefühl eines tief verwurzelten Misstrauens, das nach Ansicht von Soziologen (Dieter Claessens, 1992) und Psychoanalytikern (E.H. Erikson) auf eine frühe Entwicklungsphase zurückgeht, die auch als „zweite, soziokulturelle Geburt“ bezeichnet wird und die ersten Monate, eventuell auch die ersten 1-2 Jahre umfasst, in der sich beim Säugling und Baby das Urvertrauen entwickelt. In dieser allerersten Lebenszeit macht jeder Mensch die Erfahrung, dass er seiner Mutter oder einer anderen engen Bezugsperson vertrauen kann. Oder aber er lernt, dass alle gegen ihn sind und er niemandem vertrauen kann. Bei Säuglingen und Babys, die von Anfang an abgelehnt, vernachlässigt, misshandelt oder von einem Babysitter zum nächsten „weitergereicht“ wurden, entwickelt sich häufig ein Bindungsverhalten, das von tiefem Misstrauen geprägt ist. Auch Säuglinge, die früh in ein Heim oder ins Waisenhaus gegeben wurden, machen häufig die Erfahrung, dass ihr Urbedürfnis nach Fürsorge, Liebe und Geborgenheit nicht befriedigt wird. Statt Urvertrauen ist ein „Urmisstrauen“ die Folge. Dieses „Urmisstrauen“ prägt sich bei den Betroffenen so tief ein, dass es im späteren Leben auf Menschen, Situationen und Beziehungen übertragen wird, nach dem Motto: „Alle sind gegen mich“, „Die ganze Welt hat sich gegen mich verschworen“.
Differenzialdiagnose
Trotz des irreführenden Namens hat die paranoide Persönlichkeitsstörung – wie eingangs ausgeführt – in den zentralen Diagnosekriterien nichts mit einer paranoiden Schizophrenie gemein, die ja phasenhaft verläuft und nicht seit Kindheit und Jugendalter durchgehend vorhanden ist. Sollten allerdings die Ideen von Misstrauen, Verschwörung und sich verfolgt Fühlen die Kriterien eines Wahns erfüllen, wäre an eine anhaltende wahnhafte Störung zu denken. Sie unterscheidet sich von der paranoiden PS dadurch, dass sie nicht schon seit der Adoleszenz durchgängig vorhanden ist und meist im Zusammenhang steht mit einem einschneidenden „life event“. Überdies verhalten sich die Betroffenen – anders als paranoide Persönlichkeiten – außerhalb der wahnbesetzten Lebensbereiche normal und unauffällig.
Verwechseln könnte man die paranoide PS mit der schizotypen Störung, die ebenfalls durch Misstrauen, zwischenmenschliche Distanziertheit und paranoide Ideenbildung gekennzeichnet ist. Nicht typisch für die paranoide PS sind jedoch „schizotype“ Merkmale wie magisches Denken, ungewöhnliche Wahrnehmungen (Körpergefühlsstörungen, Depersonalisation, Derealisation) und eine umständliche, gekünstelte Sprache.
Therapie
Ähnlich wie bei der schizoiden PS ist die psychotherapeutische Behandlung einer paranoiden PS für den Therapeuten eine große Herausforderung, denn die meisten Betroffenen gehen nur in Therapie, wenn sie durch den Arbeitgeber oder die Familie dazu gezwungen werden oder aufgrund komorbider Störungen (Depressionen; Substanzmissbrauch; emotionale Krisen) Hilfe suchen. Wenn Betroffene wirklich bereit sind, psychotherapeutische Hilfe anzunehmen, kann versucht werden, das Misstrauen gegenüber anderen Menschen abzubauen, soziale Kompetenzen zu verbessern und verzerrte Kognitionen („Alle sind gegen mich“) zu verändern. Dies ist oft nicht einfach, denn die misstrauische Haltung bezieht meist auch den Therapeuten mit ein. […]

Drei Gruppen von Persönlichkeitsstörungen (Merkhilfe: A-B-C)

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