Archiv für den Monat: August 2022

Heilpraktiker für Psychotherapie: Erlaubte Therapieverfahren – was darf man im Mündlichen sagen?

1. Immer wieder werde ich in meinen Kursen wie auch in meinem Blog gefragt, welche Therapieverfahren ein HP-Psych anwenden bzw. mit welchen Klienten er arbeiten oder auch nicht arbeiten darf. Dies Frage ist relativ eindeutig zu beantworten, wenn es um die schriftliche Prüfung geht: für jeden Heilpraktiker gelten die Prinzipien der Therapiefreiheit und der Sorgfaltspflicht. Ein Heilpraktiker für Psychotherapie darf also jede Art von Psychotherapie anwenden, wenn gewährleistet ist, dass er auf Grund seiner Ausbildung „die Befähigung hat, Patienten entsprechend der Diagnose psychotherapeutisch zu behandeln“. Ein HP-Psych darf somit verhaltenstherapeutisch arbeiten, wenn er eine fundierte Ausbildung hierzu absolviert hat; deshalb darf er auch – wie in einer Prüfungsfrage der Herbstprüfung 15-2 – Störungen behandeln, für die i.d.R. die Verhaltenstherapie angewandt wird. Er darf natürlich auch mit Hypnose arbeiten, mit Kunst-, Gestalt- und Gesprächstherapie, mit systemischer Familientherapie, Tanztherapie, Arbeit mit dem Tonfeld etc. Und: Er darf auch psychoanalytisch arbeiten, wenn er eine entsprechende Ausbildung (z.B. als Laienanalytiker) absolviert hat. Einige Fragen zum Thema „Welche Therapieverfahren darf ein HP-Psych anwenden?“ finden Sie unter Punkt 3.

In diesem Zusammenhang noch ein Wort zum Begriff „Psychotherapie„: Das Wort Therapie kommt vom griechischen „therapeia“ und bedeutet: „Heilung/Linderung einer Erkrankung“. Psycho-Therapie bedeutet somit: Heilung oder Linderung einer psychischen Erkrankung. Wenn jemand allerdings ein Verfahren gelernt hat, mit dem man vorwiegend mit Gesunden arbeitet (z.B. Coaching; Lebensberatung), so zählt dies nicht zur Psychotherapie. Wenn jemand damit – als HP-Psych oder Laie – psychisch Kranke behandelt, ist er ebenso eine „Gefahr für die Volksgesundheit“ wie ein großer HP oder HP-Psych, der mit einem Wochenendkurs Hypnose, Gesprächstherapie oder Familienstellen Menschen mit einer Angststörung, einer Zwangserkrankung oder einer PTBS zu behandeln versucht.

2. Schwieriger ist die Beantwortung der Frage, wenn es um die mündliche Prüfung geht: da wollen die Prüfer nicht wissen, welche Therapie Sie „grundsätzlich“ ausüben dürfen, sondern ob Sie die in der Fallgeschichte diagnostizierte psychische Störung mit Ihrer Art von Psychotherapie behandeln oder an einen „Experten“ abgeben. In meinem Buch „Sicher durch die mündliche Prüfung“ habe ich deshalb die unter (1) genannten Aussagen etwas relativiert, denn im Mündlichen hat es der Prüfling mit Prüfern zu tun, die entweder Anhänger der Psychoanalyse sind (augenblickliche eher selten) oder sich der Verhaltenstherapie verschrieben haben. Meist ist unter den Prüfern ein Psychologischer Psychotherapeut: Die Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten umfasst mindestens 4.200 Stunden, sie dauert in der Vollzeitform mindestens 3 Jahre und in der berufsbegleitenden Form mindestens 5 Jahre. Hier wäre es unklug zu behaupten: Ich habe eine Ausbildung in VT gemacht und werde den Klienten mit seiner Phobie/Angststörungen/Zwangsstörung/Depression verhaltenstherapeutisch behandeln. Besser ist es zu sagen: Bei einer Phobie/Zwangsstörung etc. hat sich die VT bewährt… Ich werde den Klienten also raten, zu einem Verhaltenstherapeuten zu gehen. Meist kommt dann die Zusatzfrage: Welche Art von VT ist hier am besten geeignet (klassische VT? Kognitive VT? Muss der Prüfling erklären können!).

Zur Illustration hier noch ein Beispiel: In einer mündlichen Prüfung ging es kürzlich um einen jungen Mann mit einer Agoraphobie. Die Frage an den Prüfling: „Wie gehen Sie hier therapeutisch vor? -“ Prüfling (Ausbildung in Gesprächstherapie): „Eigentlich dürfte ich den Klienten behandeln, aber bei Phobien hat sich die VT bewährt.“ – Prüferin am Ende der Prüfung: „Nicht bestanden. Ihr größter Fehler war zu sagen, Sie dürften den Mann behandeln – das dürfen Sie nicht!“

3. Welche Therapieverfahren darf ein Heilpraktiker für Psychotherapie ausüben?
Hier einige Originalprüfungsfragen der Jahre 2003 bis 2015:

Prüfung 2003: Mehrfachauswahlaufgabe. Ein Therapeut besitzt eine auf das Gebiet der Heilkundlichen Psychotherapie beschränkte Erlaubnis nach dem Heilpraktikergesetz. Welche der folgenden Verfahren oder Techniken darf dieser Therapeut anwenden? Wählen Sie drei Antworten!
□ A Entspannungstraining
□ B Psychoanalyse
□ C Akupressur
□ D Testpsychologische Untersuchungen
□ E Sauerstoff-Mehrschritt-Therapie zur Krebsbehandlun

Frage 1 (P 13-1): Aussagenkombination. Welche der folgenden Verfahren zählen zu den Psychotherapieverfahren?
(1) Hypnose
(2) Gestalttherapie
(3) Lichttherapie
(4) Psychodrama
(5) EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing)

□ A Nur die Aussagen 1 und 2 sind richtig
□ B Nur die Aussagen 1 und 4 sind richtig
□ C Nur die Aussagen 3, 4 und 5 sind richtig
□ D Nur die Aussagen 1, 2, 4 und 5 sind richtig
□ E Alle Aussagen sind richtig

Frage 27 (P08-2): Aussagenkombination. Welche der folgenden Verfahren zählen zu den Psychotherapieverfahren?
(1) Hypnose
(2) Gestalt-Therapie
(3) Elektrokrampf-Therapie
(4) Psychodrama
(5) Homöopathie

□ A Nur die Aussagen 1 und 2 sind richtig
□ B Nur die Aussagen 1 und 4 sind richtig
□ C Nur die Aussagen 3 und 5 sind richtig
□ D Nur die Aussagen 1, 2 und 4 sind richtig
□ E Alle Aussagen sind richtig

Frage 16 (P 15-2): Aussagenkombination. Inhaber einer auf das Gebiet der Psychotherapie beschränkten Heilpraktikererlaubnis sind grundsätzlich berechtigt zur psychotherapeutischen Behandlung von Patienten mit:
(1) Tic-Störung
(2) Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung
(3) Anpassungsstörung
(4) Angststörung
(5) Exhibitionismus

□ A Nur die Aussage 4 ist richtig
□ B Nur die Aussagen 2 und 3 sind richtig
□ C Nur die Aussagen 1, 2 und 4 sind richtig
□ D Nur die Aussagen 1, 3, 4 und 5 sind richtig
□ E Alle Aussagen sind richtig

Tipps und Tricks für die schriftliche Prüfung (Teil 2)

„Psychotherapeutische Verfahren“ – „Vorsicht Falle“ – „Das habe ich noch nie gehört“ – „Thema unbekannt“ u.a.m.

1. Fragen zu psychotherapeutischen Verfahren

Wie in Teil 1 bereits beschrieben, gab es in letzter Zeit in jeder Prüfung 4-5 Fragen zu psychotherapeutischen Verfahren – im Gegensatz zu früheren Jahren, wo die Themenbereiche Schizophrenie, affektive Störungen, psychotrope Substanzen und psychopathologischer Befund vorherrschten.

In den Jahren 2012 bis 2022-1 gab es insgesamt 75 Fragen zum Thema Psychotherapie, die sich wie folgt verteilten:

  • Verhaltenstherapie: 31 Fragen
  • Psychoanalyse: 13 Fragen
  • Allgemeine Fragen, z.B. „Was zählt zur Psychotherapie“: 20 Fragen
  • Andere Therapieverfahren, z.B. DBT, AT, Übungen zur Achtsamkeit u.a.m.: 11 Fragen
  • Ein Sonderfall war die Prüfung 22-1: da gab es 11 Fragen zur „Psychotherapie“, darunter auch eine Frage zur Dialektisch Behavioralen Therapie (DBT), zum SORKC-Modell, zur systematischen Desensibilisierung, zu Merkmalen der Gruppentherapie, zum therapeutischen Vorgehen bei einer Somatisierungsstörung, zu Prinzipien der Psychoanalyse, zum sekundären Krankheitsgewinn, zu den Therapieformen, die ein HP-Psych ausüben darf, welche Therapieverfahren zur Psychotherapie zählen u.a. mehr.
  • Zusammengefasst bedeutet dies für Dein Lernprogramm:
  • Psychotherapeutische Verfahren sollten auf Deiner Lernliste weit oben stehen.

Wichtig zu wissen:

  • In allen seit 1996 abgehaltenen Prüfungen gab es keine einzige Frage zu den Merkmalen der Psychotherapie nach C.G.Jung, Alfred Adler, Viktor Frankl, Fritz Perls, I. Moreno u.a. mehr. So interessant diese Pioniere der Psychotherapie auch sein mögen – Du kannst sie in Deinem Lernprogramm streichen.
  • In den letzten Jahren kamen vereinzelt auch Fragen zu EMDR, DBT, Entspannungsverfahren (AT; PMR) und Techniken der Achtsamkeit. Hier genügt es, die Lösungsvorschläge vergangener Prüfungsfragen durchzugehen und sich die wichtigsten Merkmale hierzu einzuprägen. Hier können meine „Lernkarten“ und mein Buch „Schriftliche Prüfung“ vielleicht eine wertvolle Hilfe sein.

2. „Ausgefallene“ Themen, die in bisherigen Prüfungen kaum oder nie vorkamen

Auffällig ist, dass  die Prüfer in letzter Zeit Themenbereiche einbauen, die man in den herunterzuladenden Prüfungsfragen nicht findet, weil sie bisher nie oder fast nie im Schriftlichen vorkamen. Beispiele:

  • März 2017: Messie-Syndrom, HAWIE-Intelligenztest; expressive/rezeptive Sprachstörung bei Kindern.
  • Oktober 2017: Reaktive Bindungsstörung; dissoziative Amnesie.
  • März 2018: Migräne; Sexualstörungen; Multiple Sklerose
  • Oktober 2018: Rett-Syndrom; formelle Achtsamkeitsübungen
  • März 2919: Lernmechanismen beim Rollenspiel; Wechsler-Intelligenztest
  • Oktober 2019: Substitutionsbehandlung von Heroinabhängigen; mögliche Ursachen einer organischen depressiven Störung
  • Oktober 2020: Morbus Parkinson; Entzugserscheinungen nach Absetzen von Cannabis; Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT); EMDR-Therapie; Patientenrechtegesetz
  • März 2021: Nochmals: Substitutionsbehandlung von Opioidabhängigen ; Nebenwirkungen einer psychotherapeutischen Behandlung
  • Oktober 2021: Motivierende Gesprächsführung (Motivational Interviewing); Symptome des Nikotinentzugssyndroms; Nebenwirkungen der Psychotherapie; Sonderfälle bzgl. Unterbringung (siehe „Vorsicht Falle“)
  • März 2022: Hypoglykämie; Geschäftsunfähigkeit; Gruppentherapien; Unterbringung nach BGB, Strafrecht, Psychisch-Krankengesetz oder Freiwilligkeitserklärung

Was tun?

Es ist sicher nicht sinnvoll, für die Rand- oder Grenzbereiche der Psychiatrie und Psychotherapie unzählige Fachbücher durchzuarbeiten, um „optimal“ für die Prüfung vorbereitet zu sein – dies alles zu speichern schafft Euer Gehirn nicht. Besser ist es sich darauf einzustellen, dass ein oder zwei Fragen kommen werden, bei denen es darum geht, den gesunden Menschenverstand einzuschalten, die Fragestellung bewusst prüfen oder über Lösungsstrategien – z.B. bestimmte Signalwörter, Lösungsvorschläge wie „Keine der Aussagen ist richtig“ oder die Anwendung von „Ausschlussverfahren“ andere Lösungen auszuschließen. Einige Beispiele hierfür:

Lösungsstrategien

1. Ausschlussverfahren:

P 18-2: Einfachauswahl. Fallgeschichte: Eine Mutter bittet um eine Entwicklungsdiagnostik bei ihrer 2-jährigen Tochter. Das Mädchen habe sich zunächst unauffällig entwickelt, mit 1 Jahr zu laufen und zu sprechen begonnen. Seit mehreren Monaten stagniere die Entwicklung; bereits erworbene Fähigkeiten habe sie wieder verlernt. Das Kind laufe zunehmend schlechter, spreche immer weniger und müsse wieder gefüttert werden. Bei der Untersuchung fallen unter anderem Stereotypien der Hände (waschende Bewegungen) auf.
Welche der folgenden Diagnosen trifft am ehesten zu?

□   A   Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS)
□   B   Selektiver Mutismus
□   C   Rett-Syndrom
□   D  Chorea Huntington
□   E   Sogenannte Trotzphase

Bei genauem Lesen der Fallgeschichte fällt auf, dass das Mädchen erst zwei Jahre alt ist. Aufgrund der anderen Zeitkriterien für ADHS, Mutismus, Trotzphase und Chorea Huntington entfallen die Lösungsvorschläge A, B, D und E . Was bleibt ist Lösung C, selbst wenn der Prüfling nicht viel über das Rett-Syndrom gehört hat.

P 21-2: Aussagenkombination. Zu den organischen einschließlich symptomatischen psychischen Störungen (nach ICD-10) zählen:

1. Leichte kognitive Störung
2. Delir, nicht durch Alkohol oder andere psychische Substanzen bedingt
3. Demenz bei Alzheimer Krankheit
4. Katatone Schizophrenie
5. Postenzephalitisches Syndrom

□ A Nur 2 und 5 sind richtig
□ B Nur 3 und 4 sind richtig
□ C Nur 2, 3 und 5 sind richtig
□ D Nur 1, 2, 3 und 5 sind richtig
□ E Alle Aussagen sind richtig

Du weißt, dass 4 in jedem Fall falsch ist, damit entfallen die Lösungen B und E. Du bist aber unsicher, ob das postenzephalitische Syndrom dazu gehört. 2 + 3 sind in jedem Fall richtig, damit auch das postenzephalitische Syndrom. Bleibt nur die Frage: zählt die leichte kognitive Störung auch dazu – ja, das hast du gelernt. Die einzig mögliche Lösung ist somit D: 1, 2, 3 und 5 sind richtig

P20-2: Aussagenkombination. Welche der folgenden Aussagen zur Bindungsstörung (nach ICD-10) treffen zu?

1. Die reaktive Bindungsstörung wird von anhaltenden und ausgeprägten kognitiven Defiziten, die denen des Autismus vergleichbar sind, begleitet
2. Zur klinischen Leitsymptomatik der reaktiven Bindungsstörung gehören repetitive und stereotype Verhaltensmuster
3. Wichtig ist die diagnostische Abgrenzung von tief greifenden Entwicklungsstörungen
4. Die reaktive Bindungsstörung tritt meist im Kontext von Vernachlässigung oder Misshandlung auf
5. Beginn vor dem Alter von 5 Jahren

□ A Nur 1, 2 und 4 sind richtig
□ B Nur 1, 2 und 5 sind richtig
□ C Nur 1, 3 und 5 sind richtig
□ D Nur 2, 3 und 4 sind richtig
□ E Nur 3, 4 und 5 sind richtig

Genau überlegen: Haben Menschen mit Bindungsstörungen ausgeprägte und lang anhaltende kognitive Defizite (1)? Nein! Damit entfallen A, B und C. Außerdem weißt du, dass repetitive/stereotype Verhaltensmuster (2) für Menschen mit Autismus typisch sind. Autismus ist aber keine Folge von Misshandlung oder Vernachlässigung (4). Damit entfällt auch Lösung D. Richtig ist somit nur E: 3, 4 und 5 sind richtig.

2. Genau lesen! Vorsicht Falle!

P 21-1: Aussagenkombination: Diagnostische Leitlinien für den schädlichen Gebrauch von psychotropen Substanzen (nach ICD-10) sind:

1. Fortschreitende Vernachlässigung anderer Interessen zugunsten des Substanzkonsums
2. Körperliche Störung aufgrund des Substanzkonsums
3. Psychische Störung aufgrund des Substanzkonsums
4. Starker Wunsch oder eine Art Zwang die Substanz zu konsumieren
5. Sozial unüblicher Konsum der entsprechenden Substanz
□ A Nur 2 und 3 sind richtig
□ B Nur 2 und 4 sind richtig
□ C Nur 3 und 5 sind richtig
□ D Nur 1, 2 und 3 sind richtig
□ E Alle Aussagen sind richtig

Vorsicht Falle! Die Fragestellung genau lesen! Es geht hier um den schädlichen Gebrauch (F1x.1), nicht um das Abhängigkeitssyndrom (F1.x.2). Damit entfallen die für das Abhängigkeitssyndrom typischen Merkmale 1, 4 und 5. Richtig ist A: Nur 2 und 3 sind richtig.

Prüf.21-1: Aussagenkombination : Welche der folgenden Aussagen zu Angststörungen treffen zu?
1. Die körperliche Reaktionen und Empfindungen der pathologischen Angst unterscheiden sich in der Qualität erheblich von denen der „normalen“ Angst
2. Die soziale Phobie gehört zu den häufigsten Angststörungen
3. Bei der Agoraphobie besteht eine Angst sich in eine Menschenmenge oder auf öffentliche Plätze zu begeben
4. Eine Panikattacke ist eine einzelne, abrupt beginnende Episode von intensiver Angst oder Unbehagen, die mit vegetativen Symptomen einhergeht
5. Ein primäre Angststörung liegt bei einem Angstsyndrom vor, das auf eine körperliche oder psychische Grunderkrankung zurückzuführen ist

□ A Nur 2 und 4 sind richtig
□ B Nur 1, 2 und 3 sind richtig
□ C Nur 2, 3 und 4 sind richtig
□ D Nur 3, 4 und 5 sind richtig
□ E Alle Aussagen sind richtig
Vorsicht Falle. Es geht in Aussage 1 NUR um die körperlichen Reaktionen, und NUR um die ART (=Qualität), nicht um die Stärke (= Quantität) oder das Andauern der körperlichen Symptome wie Zittern, Atemnot, Schwächegefühl, Übelkeit, Schwindel etc. – In Aussage 5 geht es um den 2. Teil der Aussage: Beschrieben wird hier die sekundäre Angststörung als Folge einer körperlichen oder psychischen Grunderkrankung. Bei einer primären Angststörung sind die Angstsymptome nicht auf eine psychische Erkrankung (z.B. Depression, Schizophrenie, Delir), eine organische Verursachung (z.B. Hyperthyreose, Herzerkrankung) oder einen Missbrauch psychotroper Substanzen zurückzuführen. Zu den primären Angststörungen zählen u.a. Phobien, die Panikstörung und die generalisierte Angststörung.
Richtig ist Lösung C: Nur 2, 3 und 4 sind richtig.

3. Den gesunden Menschenverstand einschalten

P 21-1: Aussagenkombination. Welche der folgenden Aussagen treffen zu? Zu den unerwünschten Wirkungen bzw. Risiken einer psychotherapeutischen Behandlung zählen:

1. Auftreten von psychotischen Symptomen
2. Destabilisierung von Beziehungen
3. Suizid des Patienten
4. Verminderung eines begleitenden Substanzkonsums
5. Übertragung im Rahmen der psychoanalytischen Therapie

□ A Nur 1 und 3 sind richtig
□ B Nur 1, 2 und 3 sind richtig
□ C Nur 2, 4 und 5 sind richtig
□ D Nur 1, 2, 3 und 5 sind richtig
□ E Allen Aussagen sind richtig

Genau lesen und entscheiden: Wenn jemand im Verlauf der Therapie seinen Drogenkonsum reduziert – ist das eine unerwünschte Nebenwirkung? Nein! Und wenn ein Klient im Rahmen einer psychoanalytischen Behandlung sein Vater-/Mutterproblematik auf den Therapeuten überträgt? Das zählt – so hast du gelernt – in der Psychoanalyse zu einem wichtigen und erwünschten Element der Therapie. 4+5 sind also falsch. Kann es im Verlauf einer Psychotherapie kurz- oder längerfristig zu Beziehungsproblemen kommen? Ja, bei bestimmten Therapieformen (Psychoanalyse) in jedem Fall. Wenn 2 richtig ist und 4+5 falsch, bleibt nach Ausschlussverfahren: B Nur 2, 4 und 5 sind richtig.

P20-2: Aussagenkombination. Welche der folgenden Aussagen zum Patientenrechte­gesetz (Gesetz zur Verbesserung der Rechte von Patientinnen und Patienten) treffen zu? – Im Patientenrechtegesetz sind folgende Pflichten des Behandelnden verankert:
1. Aufklärungspflicht
2. Aufbewahrungspflicht der Patientenakte
3. Dokumentationspflicht
4. Informationspflicht
5. Meldepflicht

Genau überlegen: Es geht um die Pflichten des Therapeuten gegenüber dem Patienten, nicht gegenüber dem Gesundheitsamt. Die Meldepflicht ist Teil des Infektionsschutzgesetzes und hat nichts mit den Rechten eines Patienten zu tun. Auch eine evtl. gesetzlich vorgeschriebene Meldepflicht (z.B. bei Behandlungsfehlern etc.) ist nicht im Patientenrechtegesetz enthalten.
Richtig ist Lösung D: Nur 1, 2, 3 und 4 sind richtig.

P 19-1: Aussagenkombination. Bei welchen der folgenden Erkrankungen wirken psychische Faktoren in der Krankheitsentstehung oder -verschlimmerung mit?
(1) Colitis ulcerosa
(2) Enterocolitis regionalis (Morbus Crohn)
(3) Asthma bronchiale
(4) Essentielle arterielle Hypertonie
(5) Psoriasis vulgaris (Schuppenflechte)

□ A Nur 1 und 4 sind richtig
□ B Nur 2 und 3 sind richtig
□ C Nur 1, 3, und 4 sind richtig
□ D Nur 1, 2, 3 und 5 sind richtig
□ E Alle Aussagen sind richtig

Zur Fragestellung: Es geht u.a darum, ob psychische Faktoren (z.B. Stress, nicht gelöste Konflikte, Probleme am Arbeitsplatz, depressive Syndrome etc.) dazu führen können, dass Symptome einer bestehenden körperlichen Erkrankung sich verschlechtern. Eigene Erfahrungen oder Erfahrungen mit Menschen aus deinem Umfeld werden dir bestätigen: Ja, bei ganz ganz vielen Erkrankungen verschlimmern sich die Symptome, wenn jemand durch Beruf, Familie, Partnerschaft dauerhaft belastet ist. Auch die Schuppenflechte verschlechtert sich z.B., wenn der Organismus durch Dauerstress belastet ist. Alle Aussagen dürften somit zutreffend sein, auch wenn du vielleicht einzelne Fachausdrücke nicht mehr „parat“ kennst. Hier nochmals zur Wiederholung:

  • Colitis ulcerosa: Entzündung (–> „-itis“) des Enddarms/Dickdarms (lat. Colon) mit Geschwüren (lat. ulcus). Dadurch oft blutig-schleimige Durchfälle. Die Kolitis zählt zu den Autoimmunerkrankungen.
  • Morbus Crohn: Chronisch entzündliche Erkrankung mit Durchfall und chronischen Bauchschmerzen, die an verschiedensten Stellen des Darms (oft im Dünndarm) auftreten kann. Morbus Crohn zählt zu den Autoimmunerkrankungen.
  • Asthma bronchiale zählt zu den Autoimmunerkrankungen. Aufregung/Stress können einen lebensbedrohlichen Asthmaanfall auslösen
  • Essentielle (primäre) Hypertonie bedeutet: dauerhafter Bluthochdruck ohne erkennbare Ursache, im Gegensatz zu einer sekundären Hypertonie, die z.B. durch eine Nierenerkrankung, durch Erkrankungen der Schilddrüse auftreten kann.
  • Die Symptome der Schuppenflechte verschlechtern sich in der Regel bei psychischen Belastungen. Auch die „Psoriasis“ zählt zu den Autoimmunerkrankungen.

4. Genau lesen! Auf „Signalwörter“, „Schlüsselbegriffe“ , „Symptome“ achten!

P 21-1: Aussagenkombination. Welche der folgenden Aussagen zur Substitutionsbehandlung von Opiodabhängingen treffen zu?

1. Eine Schwangerschaft schließt eine Substitutionsbehandlung aus
2. Die Substitutionsbehandlung darf in Ausnahmefällen (z.B. Sonntag/Feiertage) vom Heilpraktiker durchgeführt werden
3. Eine Substitutionsbehandlung ist ein generelles Ausschlusskriterium für das Führen eines Kraftfahrzeuges
4. Methadon ist auch suchterzeugend
5. Das Risiko an HIV-Infektionen wird durch die kontrollierte Methadonabgabe verringert

□ A Nur 1 und 5 sind richtig
□ B Nur 2 und 3 sind richtig
□ C Nur 4 und 5 sind richtig
□ D Nur 1, 3 und 4 sind richtig
□ E Nur 3, 4 und 5 sind richtig

Signalwörter wie „immer“, „nie“ signalisieren, dass die Aussage aller Wahrscheinlichkeit falsch ist, denn in der Psychiatrie (wie auch in der Medizin ganz allgemein) gibt es nahezu immer Ausnahmen von der Regel. Das gilt in diesem Fall auch für den Begriff „generelles (= ohne Ausnahme gültiges) Ausschlusskriterium“. In der Tat gibt es auch hier eine Ausnahme von der Regel: In seltenen Einzelfällen (z.B. nach einem Jahr Substitutionsbehandlung und eingehender ärztlicher Untersuchung) kann ausnahmsweise eine Erlaubnis erteilt werden – das geht aus verschiedenen Beiträgen im Internet hervor. Aussage 3 ist also falsch! Da auch für heroinabhängige Schwangere zum Schutz des Babys eine Substitutionsbehandlung indiziert sein kann und Methadon auch abhängig machen kann, ist die richtige Lösung C: Nur 4 und 5 sind richtig. – Eine echte Falle! Warum ein HP-Psych dies wissen muss, ist nicht nachvollziehbar.

In der folgenden Prüfungsfrage bewirkt das Schlüsselwort „immer“ , dass Aussage 5 falsch sein muss.

P 2000-1: Aussagenkombination: Für das Korsakow-Syndrom gilt:
(1) amnestische Störungen sind typisch
(2) die örtliche Orientierung ist in der Regel nicht gestört
(3) die Erkrankung tritt in der Regel nur nach langjährigem Alkohol-Missbrauch auf
(4) Konfabulationen können stark ausgeprägt sein
(5) die Erkrankung ist immer chronisch und deshalb irreversibel

□ A nur 1 und 4 sind richtig. Zu 5: „immer chronisch“ = falsch.

P 2017-1: Einfachauswahl . Ein 65-jähriger Patient stellt sich in Begleitung seiner Ehefrau vor. Er wirkt sehr klagsam und antriebsgemindert. Er klagt über Vergesslichkeit, er könne sich das Datum nicht merken und vergesse Termine. Er interessiere sich für fast nichts mehr. Der Hausarzt habe ihn zum Nervenarzt überwiesen. Dieser habe ihm ein Medikament verschrieben und eine Psychotherapie empfohlen. Welche der Diagnosen kommt am ehesten in Frage?
□   A  Korsakow-Syndrom
□   B  Demenz bei Pick-Krankheit
□   C  Vaskuläre Demenz
□   D  Sogenannte depressive Pseudodemenz
□   E  Demenz bei HIV-Krankheit

Vorsicht Falle! Den Text genau lesen! Schlüsselbegriffe: Der Nervenarzt/Psychiater hat ihm ein Medikament verschrieben und ihm „eine Psychotherapie empfohlen„. Psychotherapie bei einer Demenz oder einem Korsakow-Syndrom? Nein! Der Patient ist möglicherweise ist er gerade in Rente gegangen (Alter: 65) und hat als Folge davon eine Anpassungsstörung mit depressiver Reaktion oder eine depressive Episode entwickelt. Richtig ist also D: depressive Pseudodemenz .

P 17-2: Aussagenkombination. Tic-Störungen
(1) sind willkürliche und regelmäßige Muskelreaktionen und Lautäußerungen, die gewohnheitsmäßig auftreten
(2) gelten ab einer Dauer von einem Monat als chronisch
(3) beginnen typischerweise in der Pubertät
(4) werden klinisch diagnostiziert
(5) treten bei ungefähr 10% aller Kinder und Jugendlichen vorübergehend auf

Vorsicht Falle! Genau auf die Symptome achten!
(1) Falsch. Es sind unwillkürliche und unregelmäßige Bewegungen und Lautäußerungen.
(2) Falsch. Erst ab 12 Monaten gelten Tic-Störungen als chronisch
(4) Richtig. „Klinisch diagnostiziert“ bedeutet nicht, dass die Untersuchungen in einer Klinik erfolgen müssen. In der Sprache der Mediziner bedeutet „klinisch“: Die Diagnose wird von einem Facharzt vorgenommen.
Die □ D Nur die Aussagen 3, 4 und 5 sind richtig

5. Häufig gefragt: Welche Therapie darf ein HP-Psych anwenden?

Zu diesem Thema gibt es regelmäßig immer wieder eine Prüfungsfrage mit ganz verschiedenen Schwerpunkten. In der Folge eine Zusammenfassung von Original-Aussagen zum Thema: Welche Therapie darf ein HP-Psych anwenden? Welche psychischen Störungen darf er behandeln? Welche anderen Techniken oder Hilfen darf er in seiner Praxis anwenden. Hierzu zwei typische Fragestellungen:

Inhaber einer auf das Gebiet der Psychotherapie beschränkten Heilpraktikererlaubnis dürfen grundsätzlich im Rahmen der psychotherapeutischen Behandlung anbieten: …

Oder: Für Inhaber einer auf das Gebiet der Psychotherapie beschränkten Heilpraktikererlaubnis besteht bei folgenden Tätigkeiten bzw. Therapieformen ein Behandlungsverbot (in der Folge bitte ankreuzen):

  • 1 Homöopathie
  • 2 Hypnotherapie
  • 3 Psychoanalyse
  • 4 Logotherapie
  • 5 Gestalttherapie
  • 6 Kognitive Umstrukturierung
  • 7 Psychotherapeutische Behandlung einer Tic-Störung
  • 8 Osteopathie
  • 9 Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie
  • 10 Cranio Sacral Therapie
  • 11 EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing)
  • 12 Substitutionstherapie mit Methadon
  • 13 Flooding
  • 14 Psychoanalytische Therapie eines psychisch kranken Patienten mit chronischer Borreliose
  • 15 Stellen einer Diagnose im Sinne der ICD-10
  • 16 Psychoedukation bei einem schizophrenen Patienten
  • 17 Psychotherapeutische Behandlung einer ADHS
  • 18 Empfehlung einer stationären Behandlung
  • 19 Anregung einer rechtlichen Betreuung
  • 20  Psychotherapeutische Behandlung von Patienten mit Exhibitionismus

Lösung: Ein Behandlungsverbot besteht nur bei 1 Homöopathie/ 8 Osteopathie/ 10 Cranio Sacral Therapie/ 12 Substitutionstherapie mit Methadon

Zu 4: Nicht verwechseln mit Logopädie. Die von V. Frankl begründete Logotherapie („Sinntherapie“) zählt zu den anerkannten Psychotherapieformen.

Zu 3, 6, 9, 11, 13: Ein HP-Psych ist in der Wahl seiner psychotherapeutischen Methode frei. Er darf also – entsprechend seiner Diagnose (-> 15) – auch Techniken der Verhaltenstherapie, der Psychoanalyse, der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie oder der Traumatherapie anwenden, allerdings nur unter der Bedingung, dass er in der jeweiligen Methode eine fundierte Ausbildung absolviert hat hat und verantwortungsvoll damit umgeht.

Zu 7, 17, 20: Für die Behandlung von Patienten mit Exhibitionismus, einer Tic-Störung oder ADS/ADHS werden meist Techniken der kognitiven oder klassischen VT eingesetzt. Wenn ein Heilpraktiker für Psychotherapie eine Ausbildung in VT absolviert hat, darf er eine ADHS, eine Tic-Störung oder auch Exhibitionismus behandeln.

Zu 14: Behandelt wird nicht die Borreliose, sondern die dadurch verursachten psychischen Störungen (z.B. Ängste, depressive Verstimmungen, Schlafstörungen).

Weitere Tipps

1. Wiederholt das, was Ihr im Kurs oder im Selbststudium gelernt habt, in Abständen immer wieder, bis es sich im Kopf verankert hat und auch bei Aufregung abrufbar ist. Zu viel Detailwissen kann das Gehirn nicht aufnehmen, die Kapazität Eures „Speichers“ ist begrenzt. Haltet Euch vor Augen, dass Ihr 7 Fehler machen dürft, wenn zwei oder drei Fragen auftauchen, die Euch schwierig oder unbekannt vorkommen, konzentriert Euch auf die, die Ihr gut gelernt habt.

2. Wenn Ihr in der Vorbereitung auf einzelne Fragen trefft mit Themen, die bisher nie gefragt wurden: In den meisten Fällen genügt es, sich die Erklärungen zu den richtigen und falschen Aussagen einzuprägen und evtl. über Google weitere Infos einzuholen. Viele unserer Prüflinge benutzen hierzu meine Lernkarten mit ausführlichen Erklärungen zu allen Lösungen – den richtigen und wie auch den falschen.

Und zur Erinnerung: Bei Fragen zu seltenen oder ausgefallenen Themen auf keinen Fall psychiatrische Fachartikel oder Fachbücher studieren! Erfahrungsgemäß kommen ausgefallene Fragen dieser Art nie wieder. Beispiele: Das Messie-Syndrom (P 16-1); Synthetische Kräutermischungen (P 16-1); Sexualstörungen (17-2+20-2: zweimal die gleiche Frage); die Behandlung von chronischen Schmerzstörungen (P 20-1); Notfallmaßnahmen bei einem bewusstlosen, spontan atmenden Patienten (P 21-2); Hypoglykämie (P 22-1) u.a.m.

3. Wichtig zu wissen: In jeder Prüfung kommen ein bis drei Fragen vor, die in früheren Prüfungen schon einmal wörtlich oder fast wörtlich vorgekommen sind. Deshalb rate ich , kurz vor der Schriftlichen nicht bis zur letzten Minute Bücher oder Skripten zu studieren, sondern sich voll auf frühere  Prüfungsfragen zu konzentrieren. Meine Lernkarten mit ausführlichen Kommentaren zu den Prüfungsfragen der Jahre 2012-2021 habe ich speziell hierfür erarbeitet.

Kommentar folgt

Lerntipps für die schriftliche HPP-Prüfung (Teil 3)

Lernen – aber wie?

Psychologische und neurologische Erkenntnisse über das Lernen
(Zusammenfassung von Kap. 1 meines Buchs „Schriftliche Prüfung: Heilpraktiker für  Psychotherapie„. 4. Auflage (Juli 2022). Elsevier-Verlag, € 36,00.

Beim Lernen auf die Prüfung haben Sie wahrscheinlich die Erfahrung gemacht, dass mühsam Gelerntes innerhalb kürzester Zeit  aus Ihrem Gedächtnis entschwunden ist. Diese Erkenntnis ist nicht neu: schon Ende des 19. Jahrhunderts konnte der Psychologe H.Ebbinghaus in verschiedenen Lernexperimenten nachweisen, dass wir bereits 20 Minuten nach dem Lernen sinnloser Silben 40 % des Gelernten nicht mehr abrufen können; nach einer Stunde haben wir über die Hälfte, nach einem Tag zwei Drittel, nach 6 Tagen über 85 % des Gelernten vergessen – vorausgesetzt, das auswendig Gelernte wurde nicht wiederholt.

Inzwischen haben Lernpsychologen auf der Grundlage der Ebbinghaus’schen Lernkurve unser Wissen über erfolgreiches Lernen erweitert und hierbei wichtige Erkenntnisse gewonnen, die hier stichpunktartig zusammengefasst werden:

1. Viele Eingangskanäle ansprechen
Neu Gelerntes wird umso besser erinnert, je mehr „Eingangskanäle“ beim Lernen aktiviert werden (Hören, Sehen, Lesen, Sprechen, Schreiben, Zeichnen, Malen, Riechen, Schmecken etc.). Auf diese Weise kann sich das Gelernte an vielen verschiedenen Teilen des Gehirns mit den dort vorhandenen „Schaltkreisen“ verbinden.

2. Emotionale „Erregung“:
Bei Dingen, die uns emotional stark berühren, genügt ein einmaliges Erleben, damit sich das Ereignis lebenslang einprägt: die erste Liebe, der erste Kuss, ein wunderschöner Urlaubstag, aber auch traumatische Erlebnisse aus der Kindheit oder dem Erwachsenenalter bleiben oft so intensiv in unserem Gedächtnis haften, dass wir uns ein Leben lang daran erinnern. Die Erklärung hierfür findet sich in einem Merksatz, den wir uns für das Lernen zunutze machen sollten:
„Was uns emotional nicht berührt, wird schnell vergessen“
Oder umgekehrt: Je mehr Sie an dem, was Sie lernen, emotional beteiligt sind, desto besser und länger prägt sich das Gelernte ein. Das könnte damit beginnen, dass Sie Teile des Skripts in Stichworten zusammenfassen und dann laut sprechen, vor dem Spiegel vortragen, in einer Arbeitsgruppe erläutern oder auf ein Diktiergerät aufnehmen. Oder aber Sie schreiben wichtige Teile des Gelernten auf Karteikarten und erweitern Ihr Wissen durch Filmausschnitte , lebensnahe Fallgeschichten (z.B. aus meinem Buch „Sicher durch die mündliche Prüfung“); oder indem Sie – allein oder mit einem Freund/einer Freundin – im Rollenspiel z.B. einen Schizophrenen, einen Maniker, einen „Borderliner“ oder einen Menschen mit einer schizoiden/paranoiden/ abhängigen Persönlichkeitsstörung imitieren (natürlich auf der Grundlage der Diagnosekriterien nach ICD-10).

Auf neuronaler Ebene kann man sich die Grundlagen für „emotionales Lernen“ vereinfacht folgendermaßen vorstellen:

Aus den unzähligen auf uns einstürmenden Sinneseindrücke wählt das Gehirn die Informationen aus, die es für wichtig erachtet, andere werden von vornherein abgeblockt. Die neuen Informationen werden über eine kleine Hirnregion mit dem Namen „Hippokampus“ („Seepferdchen“) verarbeitet. Der Hippokampus unterscheidet nochmals zwischen „wichtig“ (emotional erregend) und „unwichtig“ (emotional unbedeutend), ordnet die eingetroffenen Informationen und transferiert sich nach einigen Stunden bis Tagen in die „zuständigen“ Areale der Hirnrinde (des „Langzeitgedächtnisses“). Das funktioniert allerdings nur, wenn nicht ununterbrochen neue, wichtige Informationen den Hippocampus überfluten: dann nämlich werfen die neu ankommenden Lerninhalte die im Hippocampus kreisenden Informationen aus dem System – das vor ein paar Stunden Gelernte ist verschwunden. Ein mehrere Stunden andauerndes Lernen ohne Zwischenpausen ist deshalb kontraindiziert.

Lernprobleme gibt es auch, wenn jemand sich in einer emotionalen Krise befindet: die ständig kreisenden emotional „aufgeladenen“ Gedanken lassen kaum zu, dass neue, emotional weniger „erregende“ Lerninhalte, aufgenommen werden. Falls dies doch geschieht, wird das soeben Gelernte schnell von den belastenden Gedanken verdrängt und aus dem „System“ geworfen.

KONSEQUENZEN FÜR DAS LERNEN

(1) Denken Sie daran: Ihr Gehirn hat nur eine begrenzte Aufnahmefähigkeit, beschränken Sie sich deshalb beim Lernen auf die Themen, die für die Prüfung wichtig sind. Einen Überblick Tipps und Tricks, Teil 1  und – detaillierter –  meinem Buch Schriftliche Prüfung HP Psychotherapie. Das Buch eignet sich auch sehr gut dazu, um bestimmte Kapitel des Vorbereitungskurses zu wiederholen und anhand von Prüfungsfragen und Kurztests das eigene Wissen zu dem entsprechenden Themenbereich zu überprüfen.

(2) Denken Sie beim Durchgehen Ihres Skripts oder Lehrbuchs daran, wichtige Begriffe durch farbiges Unterstreichen zu kennzeichnen. Diese einfache Technik hilft Ihrem Gehirn, aus der Fülle des Neuen alles Wichtige herauszufiltern. Und vergessen Sie nicht, in einem zweiten Durchgang die unterstrichenen Passagen zu wiederholen.

(3) Beim Lernen sollten Sie Pausen einlegen, damit das Kurzzeitgedächtnis (der „Hippokampus“) genügend Zeit hat, die neuen Informationen zu ordnen und an die dafür zuständigen Hirnareale weiterzuleiten. Bewährt haben sich Lernphasen von 20, 30 oder maximal 60 Minuten, nach denen Sie bewusst eine 5-15-minütige Pause einlegen. Besonders günstig zum Lernen wichtiger Dinge ist die Zeit vor dem Schlafengehen, denn in der Nacht hat der Hippocampus genügend Zeit, das neu Gelernte zu verarbeiten.

(4) Sorgen Sie für eine entspannte Atmosphäre. Angst und Stress bewirken, dass Ihr Gehirn auf „Gefahr“ umschaltet, ein Zustand, in dem die kognitiven Instanzen weitgehend ausgeschaltet werden und ihr Hippocampus kaum Neues aufnehmen kann. Versuchen Sie deshalb, eine Lernatmosphäre zu schaffen, in der sie ihre Alltagsprobleme für einige Zeit beiseite schieben – indem sie sich bewusst eine gewisse Zeit zum Lernen reservieren, vorher eventuell kurz meditieren oder sich entspannen oder ihr Lernen durch Entspannungsmusik untermalen.

(5) Bitte vergessen Sie bei alldem nicht: Je stärker Sie beim Lernen emotional beteiligt sind, desto besser ist die Behaltensleistung, denn:
„Was uns emotional nicht berührt, wird schnell vergessen!“
In neuerer Zeit gibt es auf YouTube unzählige Filme zu den verschiedensten Störungsbildern der ICD-10. Sie helfen dabei, die in der ICD-10 beschriebenen  Symptome „lebendig“ werden zu lassen, so dass die entsprechenden Krankheitsbilder sich besonders gut im Gedächtnis einprägen.

Lernen mit Filmausschnitten, Fallgeschichten und lebendig vorgetragenen persönlichen Erlebnissen sind auch die Grundlagen der HPP-Ausbildungskurse, die wir halbjährlich am Forum Gilching anbieten.

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