Schriftliche Prüfung Heilpraktiker für Psychotherapie 2017-2 (11.10.2017)

Die gestrige schriftliche Prüfung war nicht leicht. Schon bei der Themenauswahl gab es Unterschiede zu früher: Insgesamt 5 mal wurde das Wissen im Bereich Kinder- und Jugendpsychiatrie abgefragt mit Fragen zu Tic-Störungen, zur Legasthenie, zum frühkindlichen Autismus, zur Intelligenzminderung und – zum 1. Mal seit Bestehen der Prüfung – zur reaktiven Bindungsstörung. Die Formulierungen der Fragen waren überdies oft so gewählt, dass man nicht einfach auswendig gelerntes Wissen reproduzieren konnte, sondern sich genau überlegen musste, ob diese oder jene Aussage wohl richtig ist. Beispiel: Beginnt die Somatisierungsstörung (Mindestdauer 2 Jahre) schon im frühen Erwachsenenalter? In der ICD-10 findet sich dazu nichts, in der Fachliteratur heisst es: Der Beginn der jahrelang anhaltenden Beschwerden liegt meist in der „ausgehenden Adoleszenz“ und im frühen Erwachsenenalter. Oder Frage 15: „Treten Zwangssymptome nach dem 40. Lebensjahr auf, sollte eine organische Ursache ausgeschlossen werden“ = richtig! Hintergrund: Zwangsstörungen beginnen meist in dre Kindheit, in der Adoleszenz oder im frühen Erwachsenenalter; ein später Beginn muss dann wohl auf eine andere Ursache zurückzuführen sein (siehe unten).

Den Rückmeldungen meiner Kursteilnehmer konnte ich entnehmen, dass viele die Prüfung trotzdem geschafft haben. Die Lösungen stehen seit gestern (11.10.) ab 12.00 Uhr im Netz unter www.forum-gilching.de (Prüfung Oktober 2017). Dort finden Sie auch alle Fragen mit Lösungen und Kurzkommentaren. Ein paar Fragen haben vielen Prüflingen Probleme bereitet, deshalb in der Folge einige Erläuterungen hierzu. Die Bezifferung bezieht sich auf Gruppe A, dahinter Gruppe B.

Frage 13//23: Einfachauswahl.
Ein 65-jähriger Patient stellt sich in Begleitung seiner Ehefrau vor. Er wirkt sehr klagsam und antriebsgemindert. Er klagt über Vergesslichkeit, er könne sich das Datum nicht merken und vergesse Termine. Er interessiere sich für fast nichts mehr. Der Hausarzt habe ihn zum Nervenarzt überwiesen. Dieser habe ihm ein Medikament verschrieben und eine Psychotherapie empfohlen. Welche der folgenden Diagnosen kommt am ehesten in Frage?
□ A Korsakov-Syndrom
□ B Demenz bei Pick-Krankheit
□ C Vaskuläre Demenz
□ D Sogenannte depressive Pseudodemenz
□ E Demenz bei HIV-Krankheit
D ist richtig (Pseudodemenz)
Bei einer vaskulären Demenz müsste die Erkrankung seit mindestens 6 Monaten vorhanden sein; überdies würde der Hausarzt da keine Medikamente (Antidepressiva?) verschreiben und den Mann zum Neurologen schicken anstatt eine Psychotherapie zu empfehlen. Der Patient ist klagsam und antriebsgemindert und leidet wohl erst seit kurzem unter Vergesslichkeit und Antriebsminderung: Er hat eine Anpassungsstörung mit depressiver Reaktion oder eine depressive Episode. Möglicherweise ist er gerade in Rente gegangen (Alter: 65) und hat Probleme, sich an die neue Situation anzupassen.

Frage 15//3: Aussagenkombination.
Tic-Störungen
(1) sind willkürliche und regelmäßige Muskelreaktionen und Lautäußerungen, die gewohnheitsmäßig auftreten
(2) gelten abe einer Dauer von einem Monat als chronisch
(3) beginnen typischerweise in der Pubertät
(4) werden klinisch diagnostiziert
(5) treten bei ungefähr 10% aller Kinder und Jugendlichen vorübergehend auf
□ A Nur die Aussagen 3 und 5 sind richtig
□ B Nur die Aussagen 1, 4 und 5 sind richtig
□ C Nur die Aussagen 2, 3, und 4 sind richtig
□ D Nur die Aussagen 3, 4 und 5 sind richtig
□ E Alle Aussagen sind richtig
D 3, 4 + 5 sind richtig
(1) Falsch. Es sind unwillkürliche (nicht willkürliche) Bewegungen und Lautäußerungen.
(2) Falsch. Erst ab 12 Monaten gelten Tic-Störungen als chronisch
(4) Richtig. „Klinisch diagnostiziert“ bedeutet nicht, dass die Untersuchungen in einer Klinik erfolgen müssen. In der Sprache der Mediziner bedeutet „klinisch“: Die Diagnose wird von einem Facharzt vorgenommen.

Frage 11//16: Einfachauswahl. Eine 28-jährige Frau, ohne psychische Vorerkrankungen kommt in Ihre Praxis. Sie berichtet aufgeregt und kurzatmig, dass sie am Morgen an einer stark befahrenen Straßenkreuzung einen Verkehrsunfall mit einem LKW gehabt habe, welcher wohl eine rote Ampel übersehen haben musste. Sie brauche daher unbedingt „etwas zur Beruhigung“. So könne sie nicht zur Arbeit. Die Betroffene berichtet stereotyp, dass sie doch „grün“ gehabt habe und was denn passiert wäre, wenn der LKW sie mit ihrer 3-jährigen Tochter frontal an ihrer Fahrerseite erwische hätte. Die Betroffene zittert, wirkt psychomotorisch unruhig, verzweifelt und zeigt deutliche Auffassungs- und Konzentrationsstörungen. Welche der folgenden Diagnosen im Sinne der ICD-10 trifft am ehesten zu?
□ A Posttraumatische Belastungsstörung
□ B Anpassungsstörung mit gemischter Störung von Gefühlen und Sozialverhalten
□ C Panikstörung
□ D Akute Belastungsreaktion
□ E Dissoziative Störung (Konversionsstörung), gemischt
D ist richtig
Die Symptome sind typisch für eine akute Belastungsreaktion. Beschrieben wird eine kurzzeitige Reaktion auf ein einschneidendes, belastendes Ereignis. Abklingen der Symptome (nach ICD-10) meist schon nach 8 Stunden!. Die Symptome (Verzweiflung, psychomotorische Unruhe, Zittern etc.) sind typisch für eine akute Belastungsreaktion, die übrigens in den letzten Prüfungen jetzt schon viermal gefragt wurde.

Frage 24 // 28 (P 17-2): Aussagenkombination.
Ein Behandlungs- bzw. Tätigkeitsverbot besteht für Inhaber einer auf das Gebiet der Psychotherapie beschränkten Heilerlaubnis für die
(1) psychoanalytische Therapie eines psychisch kranken Patienten mit chronischer Borreliose
(2) Verordnung von Betäubungsmitteln
(3) psychotherapeutische Behandlung der depressiven Störung eines Patienten mit bekannter HIV-Infektion
(4) Empfehlung einer stationären Behandlung
(5) Psychoedukation bei einem schizophrenen Patienten
□ A Nur Aussage 2 ist richtig
□ B Nur Aussage 3 ist richtig
□ C Nur die Aussagen 2 und 4 sind richtig
□ D Nur die Aussagen 1, 2 und 5 sind richtig
□ E Alle Aussagen sind richtig
A Nur 2 ist zutreffend = verboten
Zu 1+3: Die Psychotherapie (z.B. Psychoanalyse oder VT) beschränkt sich auf die psychische Störung und ist daher erlaubt, wenn der Therapeut eine entsprechende Ausbildung hierfür besitzt. Die Borreliose bzw. HIV-Infektion gehört natürlich in die Hände eines Facharztes.

Frage 16 // 11 (P 17-2): Mehrfachauswahl. Welche zwei der folgenden Aussagen zur Zwangsstörung (nach ICD-10) treffen zu?
□ A Patienten mit einer Zwangsstörung erleben ihre Zwangshandlungen im Gegensatz zur anankastischen (zwanghaften) Persönlichkeitsstörung üblicherweise ich-synton
□ B Mindestens gegen einen Zwangsgedanken oder gegen eine Zwangshandlung muss der Patient noch Widerstand leisten
□ C Mit Abstand am häufigsten kommt bei Zwangsstörungen der Zählzwang vor
□ D Therapie der Wahl ist zunächst die alleinige Pharmakotherapie, erst bei Therapieresistenz sollte eine kognitive Verhaltenstherapie angewendet werden
□ E Treten Zwangssymptome nach dem 40. Lebensjahr auf, sollte eine organische Ursache ausgeschlossen werden.
B und E sind richtig
Zu A: Falsch! „Ich-synston“ bedeutet: Die Gedanken und Handlungen eines Menschen stehen im Einklang mit den für ihn/sie typischen Gedanken, Handlungen und Verhaltensweisen. Bei Zwangsstörungen ist das Gegenteil der Fall: Die Zwangsgedanken und Zwangshandlungen werden als unsinnig, als ich-dyston erlebt, obwohl die Betroffenen wissen, dass es IHRE Gedanken sind.- Zu E: Richtig. Zwangsstörungen beginnen meist in der Kindheit, in der Adoleszenz oder im frühen Erwachsenenalter. Ein erstmaliges Auftreten nach dem 40.Lebensjahr ist deshalb eventuell ein Hinweis auf eine organische Ursache (z.B. Hirntumor, Verletzungen des Gehirns, MS etc.).

Ergänzung: Frage 3//9: Aussagenkombination.

Welche der folgenden Aussagen zu Bindungsstörungen (nach ICD-10) treffen zu?
1. Wichtig ist die diagnostische Abgrenzung von tief greifenden Entwicklungsstörungen (nach ICD-10)
2. Beginn vor dem Alter von 5 Jahren
3. Zur klinischen Leitsymptomatik der reaktiven Bindungsstörung gehören repetitive und stereotype Verhaltensmuster
4. Die reaktive Bindungsstörung wird von anhaltenden und ausgeprägten kognitiven Defiziten, die denen des Autismus vergleichbar sind, begleitet.
5. Die reaktive Bindungsstörung tritt meist im Kontext von Vernachlässigung oder Misshandlung auf
☐ A Nur die Aussagen 1, 2 und 4 sind richtig
☐ B Nur die Aussagen 1, 2 und 5 sind richtig
☐ C Nur die Aussagen 1, 3 und 5 sind richtig
☐ D Nur die Aussagen 2, 3 und 4 sind richtig
☐ E  Nur die Aussagen 3, 4 und 5 sind richtig
B Nur 1, 2 und 5 sind richtig
1. Richtig. An der Entstehung einer Bindungsstörung spielen psychische Verursachungen wie extreme Vernachlässigung oder körperliche/sexuelle Gewalt in der frühen Kindheit eine wichtige Rolle – im Gegensatz zu den tief greifenden Entwicklungsstörungen (z.B. frühkindlichem Autismus): Hier spielen genetische Faktoren (z.B. Chromosomenveränderungen) eine wichtige Rolle. Die Symptome sind also – im Gegensatz zu Bindungsstörungen – nicht psychisch bedingt. Deshalb heisst es in der ICD-10 zur Bindungsstörung: „Die Kriterien für eine tiefgreifende Entwicklungsstörung werden nicht erfüllt“.
2. Richtig. ICD-10: „Beginn vor dem fünften Lebensjahr“.
3. Bei der reaktiven Bindungsstörung finden sich auf keinen Fall autistische Merkmale wie kognitive Defizite oder stereotype/repetitive Verhaltensmuster. Typische Symptome sind stattdessen Furchtsamkeit, Unglücklichsein, ein zeitweiser Verlust emotionaler Ansprechbarkeit, z.T. auch aggressive Reaktionen.
4. Falsch. Siehe Kommentar zu 3.
5. Richtig. Die Störung tritt meist „als direkte Folge schwerer elterlicher Vernachlässigung, Missbrauch oder schwerer Misshandlung auf“ (ICD-10, F94.1: Einleitung). Auch ein häufiger Wechsel wichtiger Bezugspersonen kann zu einer Bindungsstörung führen.

Weitere Fragen mit Kommentaren finden Sie auf der Website des Forums Gilching e.V. www.forum-gilching.de (Prüfung Oktober 2017).

4 Gedanken zu „Schriftliche Prüfung Heilpraktiker für Psychotherapie 2017-2 (11.10.2017)

  1. Sehr geehrter Herr Schneider,

    ich habe mit großem Interesse Ihr Bericht und den Lösungsschlüssel von der aktuellen schriftlichen Prüfung gelesen. Mir ist eine Differenz in der Erklärung und den von Ihnen veröffentlichten (Vorläufigen) Lösungsschlüssel aufgefallen.
    Bei Frage 16 Gruppe A schreiben Sie bei der Erklärung Lösung A+E wäre richtig. Beim Lösungsschlüssel steht hingegen B+E.
    Könnten Sie dies noch mal überprüfen?

    Viele Grüße Melanie Neubecker
    PS. Ihre Lernkarten habe ich mir übrigens gegönnt. Sind toll!

    1. Hallo Melanie,

      danke für den Hinweis. Das war ein Übertragungsfehler, habe es bereits korrigiert. Die richtige Lösung ist B+E.
      Und jetzt: Alles Gute und viel Erfolg für die mündliche Prüfung!

  2. Ich hab auch letzten Mittwoch die Prüfung geschrieben und war erst einmal wegen den Fragen ziemlich geschockt. Besonders die mit der Bindungsstörung hat mich ins Schleudern gebracht. Zuerst dachte ich, dass ich haushoch durchgefallen wäre. Aber es stellte sich heraus, dass ich 26 Richtige hatte! Ich bin echt erleichtert und bereite mich nun auf die mündliche vor. Übrigens mit deinem Buch.

    Die Frage zu den Zwangserkrankungen fand ich irreführend. Es klang so, als müsste man alle anderen nicht ärztlich abklären. Und nachdem mir im Unterricht eingetrichtert wurde, dass man immer organisch auf Nummer sicher gehen sollte, hab ich diese Frage natürlich falsch angekreutzt. naja, was solls…

    1. Hallo Maik,

      freut mich, dass Du diese schwierige Prüfung gemeistert hast. Da die Frage zur Bindungsstörung nicht nur Dir Schwierigkeiten bereitet hat, habe ich sie als Ergänzung in meinem Beitrag beigefügt. Die Lösung ist der Neuauflage meiner „Lernkarten“ entnommen, die im Sommer 2018 erscheinen wird. Aber da hast Du ja hoffentlich alles (inklusive mündliche Prüfung) bereits hinter Dir und hast Deine Zulassung als HP-Psych.

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