Mündliche Prüfung und Therapiealltag.

Fallgeschichte aus dem Mündlichen: „Ein Mann hat seit gestern  Schluckbeschwerden, ein Taubheitsgefühl im linken Arm, Kopfschmerzen und Schwindel. Er kann sich nicht erinnern, was gestern passiert ist, aber man hat ihm erzählt, dass er einen Krampfanfall hatte. Der Mann kommt in Ihre Praxis… “ — Kommt ein Mann mit diesen Symptomen wirklich in eine Praxis für Psychotherapie? Natürlich nicht! Trotzdem müsst Ihr in einem Fall wie diesem – und in vielen anderen – so tun, als sei es das Natürlichste auf der Welt, dass jemand mit eindeutig neurologischen Herdzeichen bei Euch erscheint.

Da kommt zum Beispiel eine nach Alkohol riechende Frau, die sich mit ihrer verstorbenen Mutter unterhält. Oder ein Mann mit Münchhausen-Syndrom, der jammernd von nicht vorhandenen Symptomen erzählt und anschließend für die Zuwendung des Therapeuten aus eigener Tasche 120 EURO bezahlt. Oder ein Mann im Alkoholdelir, der sich lallend an den Türstock klammert und sich von dunklen Gestalten verfolgt glaubt. Nach Ansicht der Prüfer kann es durchaus auch vorkommen, dass Ihr auf der Straße von einer Euch unbekannten Frau angesprochen werdet, die bei kaltem Wetter barfuß herumläuft und Euch erzählt, dass sie auf dem Weg zu ihrem Geliebten ist – einem Pop-Star übrigens. „Die Frau war schon mehrmals in der Psychiatrie und schaut sich jetzt ängstlich um“, sagt man Dir.  Interessant, dass Du die Biografie der Frau kennst, obwohl Du sie noch nie zuvor gesehen hast.

Das sind ein paar äußerst skurrile Fallgeschichten aus dem Mündlichen,  von denen es noch mehr gibt. Geschichten, die Ihr – trotz ihrer Realitätsferne – einfach als das nehmen solltet, was sie sind: ein Vorwand, um Euer Wissen in möglichst vielen Bereichen zu überprüfen, auch wenn Ihr damit in der Praxis (oder auf der Straße) nie  oder kaum zu tun haben werdet.

In diesem Zusammenhang sei ehrlicherweise gesagt, dass sich inzwischen – zumindest in München-Stadt und München-Land – diesbezüglich viel zum Positiven verändert hat:  Nahezu alle Störungen, die im Herbst 2013 im Mündlichen „abgefragt“ wurden, könnten in Eurer Praxis vorkommen: Depressive Störungen – Anpassungsstörungen – PTBS –  somatoforme Schmerzstörung – Somatisierungsstörung – dissoziative Störungen – Phobien und Angststörungen – Hypochondrie – Ess- und Zwangsstörungen – Demenz-Erkrankungen – Persönlichkeitsstörungen (häufig: Borderline, schizoide oder dissoziale PS.). Und natürlich immer: Bayer. Unterbringungsgesetz und Betreuungsrecht. Wichtig bei der Stellung der Diagnose war den Prüfern ein Vorgehen in drei Schritten:

  • 1 Verdachtsdiagnose
  • 2 Mögliche Differenzialdiagnosen
  • 3 Endgültige Diagnose (meist identisch mit Verdachtsdiagnose)
  • Nach Schritt 3 kommt nahezu immer die Frage: „Wie gehen Sie in diesem Fall therapeutisch vor?“

    Diese Vorgehensweise in drei (bzw. vier) Schritten ist – zusammen mit vielen anderen praktischen Tipps – Thema des Kurzworkshops Wie bestehe ich die mündliche Prüfung?

    Zur noch laufenden Prüfung:  Von den 34 Prüflingen, die ich im Coaching vorbereitet habe, haben vier nicht bestanden.  Vier Leute haben die Prüfung noch vor sich: Ihnen drücke ich, drückt unser ganzes Team die Daumen.

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