Heilpraktiker für Psychotherapie: Mündliche Prüfung 2014-2

Da bei der schriftlichen Prüfung 14-2 im Vergleich zur Frühjahrsprüfung sehr viele Prüflinge bestanden haben, gab es in einigen Prüfungsämtern offensichtlich Prüfungskommissionen, die im Mündlichen stärker „ausgesiebt“ haben als in den Jahren zuvor. Oft wurden – wie im folgenden Beispiel – Kurzfälle zum Anlass genommen, um im Rahmen der differenzialdiagnostischen Überlegungen (inzwischen sehr wichtig geworden!!!) breitgefächertes Wissen abzufragen.

Fallbeispiel: Ein junger Mann (27) fährt morgens mit der U-Bahn in die Arbeit. Er bekommt Atemnot, Schweißausbrüche, zittert am ganzen Körper und muss die U-Bahn an der nächsten Haltestelle verlassen. Er muss dringend ins Freie, da geht es ihm besser. – Was kommt differenzialdiagnostisch in Frage?

• DD Panikattacke bei Panikstörung: Durch Nachfragen klären -> In Vergangenheit: Panikattacken wie aus heiterem Himmel?)
• DD Panikattacke bei Agoraphobie: Durch Nachfragen klären -> In Vergangenheit: Panikattacken bei Menschenmengen, auf Plätzen etc.?)
• DD Panikattacke bei Klaustrophobie: Durch Nachfragen klären -> In Vergangenheit: Panikattacken bei engen Räumen?)
• DD Panikattacken bei sozialer Phobie: Durch Nachfragen klären -> In Vergangenheit: Panikattacken in sozialen Situationen?)
• DD Organische Ursachen, z.B. Schilddrüsenüberfunktion. Weitere Symptome durch Nachfragen klären bzw. ausschließen
• DD Angstanfall im Rahmen einer Depression -> Durch Fragen nach weiteren Symptomen ausschließen oder in Betracht ziehen (hier: Fragen der Prüfer zu den typischen Symptomen einer depressiven Episode; eventuell auch einer Anpassungsstörung)
• DD Herzangstsyndrom: Werden diese und weitere Symptome stark herzbezogen erlebt? (Zusatzfragen der Prüfer zu anderen somatoformen autonomen Funktionsstörungen)
• DD Angstanfall im Rahmen eines Asthma-Anfalls
• DD Angstanfall bei Angina pectoris
• DD Herzinfarkt -> Prüfer: Was tun Sie, wenn der junge Mann in Ihrer Praxis sitzt? (Notarzt rufen!)
• DD Entzugserscheinungen (Benzodiazepine? Alkohol?). –> Prüfer: Fragen zur Entzugssymptomatik, zum Entzugsdelir, zu Bewusstseinsstörungen beim Delir. Zusatzfrage: Gibt es organisch bedingte psychische Störungen, bei denen das Bewusstsein nicht getrübt ist? -> Korsakow-Syndrom (Symptome erklären) – Demenz im Frühstadium – Alkoholhalluzinose.

Weiterer Verlauf der Prüfung:
Prüfer: Könnte der junge Mann eventuell auch eine Schizophrenie haben?
Prüfling: Da müsste ich fragen, ob die Symptome dadurch ausgelöst werden, dass er sich verfolgt fühlt oder Stimmen hört, die ihm Angst machen. Das ist hier eher unwahrscheinlich, wäre aber vorstellbar.
Prüfer: Wie gehen Sie vor, wenn der Klient bei Ihnen in der Praxis sitzt. Denken Sie an den psychopathologischen Befund?
Prüfling: Als erstes schaue ich, wie der Mann auf mich wirkt: ist er normal gekleidet, gepflegt? Wie sind Gestik, Mimik, Augenkontakt? Wie spricht er? – Dann gehe ich die Elementarfunktionen durch.
Prüfer: Wie machen Sie das denn genau?
Ich: Manche Dinge frage ich konkret, andere ergeben sich aus der Beobachtung. Wenn der Patient z.B. plötzlich in eine Ecke starrt und nichts mehr sagt, würde ich eine Wahrnehmungsstörung vermuten und nachfragen, ob er da etwas sieht? Ansonsten gehe ich die Elementarfunktionen durch: Bewusstsein, Orientierung, Aufmerksamkeit und Gedächtnis: Das dürfte bei dem jungen Mann nicht gestört sein. Ich würde dann fragen stellen in Richtung Wahn, Wahrnehmungsstörungen, Ich-Störungen, formale Denbkstörungen (alle vermutlich ohne Befund).
Prüfer: Was sind denn formale Denkstörungen.
Prüfling: Zum Beispiel verlangsamtes Denken oder Denkhemmung -> typisch für die Depression. Oder Zerfahrenheit/Inkohärenz: Da kann man dem Gedankenablauf nicht mehr folgen -> typisch für die Schizophrenie. Oder die Ideenflucht, da springt der Patient von einem Gedanken zum nächsten.
Prüfer: Bei welcher Erkrankung ist denn die Ideenflucht typisch?
Prüfling: Bei der Manie.
Prüfer: Nach was fragen Sie denn noch?
Prüfling: Nach der Affektivität. Der junge Mann hat ja offensichtliczh Angst.
Prüfer: Ja genau, Angst ist ein zentraler Affekt. Und dann: Was ist noch ganz wichtig im psychopathologischen Befund. Dem geht es ja nicht gut.
Prüfling: Die Suizidalität. Da müsste ich abklären, ob er suizidgefährdet ist.
Prüfer: Genau, das ist ganz wichtig. Was machen Sie da mit ihm, wenn er akut suizidgefährdet ist.
Ich: Wenn er sich nicht selbst einweisen lässt dann rufe ich die KVB bzw. Polizei…(Prüfer stellen weitere Fragen zur Unterbringung).

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