Archiv für den Monat: Oktober 2016

Schriftliche Prüfung zum Heilpraktiker für Psychotherapie im Oktober 2016

Die gestrige schriftliche Prüfung war – denke ich – gut machbar. Die Lösungen stehen seit 13.00 Uhr im Netz unter www.forum-gilching.de (Prüfung März 2016). Ab sofort finden Sie alle Fragen mit Lösungen und Kurzkommentaren auf derselben Seite/Menu linke Spalte. Ein paar Fragen haben vielen Prüflingen Probleme bereitet, deshalb in der Folge einige Erläuterungen hierzu. Die Bezifferung bezieht sich auf Gruppe A, dahinter Gruppe B.

Frage 1 // 14: Aussagenkombination. Verschiedene körperliche Erkrankungen können mit Symptomen einer Panikattacke einhergehen. Hierzu zählen
(1) Hyperthyreose
(2) Hypoglykämie
(3) Koronare Herzkrankheit
(4) Zerebrales Anfallsleiden
(5) Asthma bronchiale

Hier sind alle richtig, auch die Hypoglykämie (Unterzuckerung). Bei Hypoglykämie treten u.a. auf: Herzklopfen, Herzrasen, Angstzustände, Panikattacken, Ohnmachtsgefühle, Schweißausbrüche, Übelkeit etc.. In schweren Fällen können Bewusstseinsstörungen bis hin zu komatösen Zuständen die Folge sein.

Zu Frage 6 // 10, Spider naevi als Folge von Alkoholmissbrauch
Zu Antwort C: Spider naevi (Spinnennävi, Gefäßsternchen) auf der Haut sind ein möglicher Hinweis auf eine Leberzirrhose
Kommentar: Spider naevi sind gutartige arterielle Gefäßneubildung der Haut (oft im Gesicht). Ausgehend von einem zentralen, erhabenen und etwa stecknadelkopfgroßen Gefäßknötchen ziehen dünne Ausläufer (Gefäßreiserchen) spinnen- oder sternartig nach außen. Ursache ist eine Lebererkrankung/Leberzirrhose, oft als Folge von langjähriger Alkoholabhängigkeit. Eine Illustration finden Sie unter Wikipedia.

Frage 7 // 15: Aussagenkombination. Antriebssteigerung ist ein typisches Symptom bei
(1) agitierter Depression
(2) hebephrener Schizophrenie
(3) Stimulanzieneinnahme
(4) manischer Episode
(5) Hypothyreose
B Nur die Aussagen 3 und 4 sind richtig.
Zu 1: Eine psychomotorische Agitiertheit ist etwas Anderes als eine Antriebssteigerung. Eine Antriebssteigerung ist eine zielgerichtete Zunahme an Energie und Initiative. Der Zustand der motorischen Unruhe bei der agitierten Depression ist ein rastloser Bewegungsdrang, der ins Leere läuft. Typisch sind z.B.: zielloses Umherlaufen in der Wohnung, Nesteln, Aufräumen, nicht zur Ruhe kommen etc. Gleichzeitig sind die Betroffenen jedoch müde (nicht voll Energie) und erschöpft. Im Internet und in Fachbüchern wird diese Unterscheidung kontrovers diskutiert: bei Möller-Laux (S.71) wird klar zwischen Antriebssteigerung und motorischer Unruhe unterschieden.Dazu ein Link zu www.psychologielexikon.com:
Psychologielexikon.
Inzwischen hat sich herausgestellt, dass die Prüfer C: 1, 3 und 4 als richtig gewertet haben. Dass 1 richtig sein soll, ist nach Ansicht von Fachleuten nicht nachzuvollziehen: Es gibt hierzu mehr als ein Dutzend Fundstellen in der Literatur und im Internet. Inzwischen haben mehrere meiner Schüler deshalb das Ergebnis ihrer Prüfung angefochten (offiziell: Widerspruch eingelegt) mit der Begründung, bei dieser Frage seien zwei Lösungen möglich. Hierfür haben sie z.B. obige Fundstelle (Psychologielexikon) ausgedruckt und mit eingereicht. Das Ergebnis steht noch aus.

Frage 9 // 25 (P 16-2): Welche der folgenden Aussagen zum schizophrenen Residuum (nach ICD-10 treffen zu?
(1) Beim schizophrenen Residuum handelt es sich um die depressive Phase nach Abklingen der akuten Episode einer Schizophrenie
(2) Vorherrschend sind paranoid-halluzinatorische Phänomene
(3) Charakteristisch sind eine psychomotorische Verlangsamung sowie die Vernachlässigung der eigenen Körperpflege
(4) Mehrere „negative“ Symptome waren während der vorangegangen 12 Monate vorhanden
(5) Im Rahmen der Differentialdiagnose sollten eine Demenz oder eine chronische Depression ausgeschlossen werden
D Nur die Aussagen 3, 4 und 5 sind richtig.
Zu 1: Beschrieben wird unter (1) die postschizophrene Depression (Dauer: mindestens 2 Wochen, Mischung zwischen depressiver Episode und einigen Restsymptomen der Schizophrenie, auch Positivsymptome!), nicht das schizophrene Residuum. .

Frage 17 // 21 (P 16-2): Suizidalität
(1) Suizidversuche bei Patienten sind für Heilpraktiker meldepflichtig
(2) Bei der überwiegenden Zahl der Suizide besteht keine psychische Erkrankung
(3) Ältere, alleinstehende Männer haben eine erhöhte Suizidrate
(4) Die Wiederholung eines Suizidversuchs im weiteren Lebensverlauf ist äußerst selten
(5) Bei Angststörungen ist die Suizidalität höher als bei der Allgemeinbevölkerung
C Nur die Aussagen 3 und 5 sind richtig.
Zu 5: Bei den Ursachen für Suizidalität werden Angststörungen häufig nicht erwähnt. Trotzdem ist bei Angststörungen die Suizidalität höher als bei der Allgemeinbevölkerung. Verschiedene Untersuchungen erbrachten bei Angsterkrankungen ein etwa 10faches Risiko für Suizidalität im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung. Überdies führt eine unbehandelte Angststörung oft zu einer Depression, viele Betroffene entwickeln zusätzlich eine Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit; diese Komplikationen bergen wiederum ein beträchtliches Risiko für Suizidversuche und vollendete Suizide.

Frage 21 // 7 (P 16-2): Inhaber einer auf das Gebiet der Psychotherapie beschränkten Heilpraktikererlaubnis sind grundsätzlich befugt zur
(1) Feststellung einer psychischen Erkrankung
(2) begleitenden Verordnung von beruhigend wirkenden Betäubungsmitteln
(3) Anwendung kognitiver Verhaltenstherapie
(4) Anwendung von Gesprächspsychotherapie
(5) Stellen einer Diagnose im Sinne der ICD-10
D Nur die Aussagen 1, 3, 4 und 5 sind richtig.
Da es in Bezug auf das Thema „Was darf ein HP-Psdych? Was nicht?“ immer wieder Diskussionen gibt, hier zunächst die gesetzliche Grundlage. Juristisch bindend ist das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 21.1.1993, deren wichtigsten Punkte hier zusammengefasst werden:

Der Prüfling muss „die Befähigung haben, seelische Krankheiten und Leiden … als solche zu erkennen … Er muss „die Befähigung besitzen, Patienten entsprechend der Diagnose psychotherapeutisch zu behandeln“; und er muss fähig sein, mit seiner Art von Psychotherapie „therapeutisch auf den Befund so zu reagieren, dass der Patient durch die konkrete Behandlung keinen gesundheitlichen Schaden erleidet.“

Bei der Beantwortung obiger Frage ist aber noch ein zweiter Punkt wichtig: was genau bedeutet das Wort „grundsätzlich“? Das Wort „grundsätzlich“ hat in der Rechtssprache und Medizin eine andere Bedeutung als in der Umgangssprache. Umgangssprachlich wird es meist im Sinne von „ausnahmslos“ gebraucht (z.B. „das tue ich grundsätzlich nicht“ = „nie“, „auf keinen Fall“). Dagegen bedeutet „grundsätzlich“ in der Rechtssprache und in der Medizin dasselbe wie „prinzipiell“, d.h.: Prinzipiell/vom Grundsatz her ja, aber nur unter bestimmten Bedingungen. Ein HP-Psych darf also prinzipiell/grundsätzlich kognitive VT/GT/Psychoanalyse etc. anwenden – unter der Bedingung, dass er die Befähigung besitzt, mit seiner Art von Therapie „so auf den Befund zu reagieren, dass der Patient durch die konkrete Behandlung keinen gesundheitlichen Schaden erleidet.“ Er darf also mit kognitiver VT, Psychoanalyse, Dialektisch-Behavioraler Therapie (DBT), Arbeit am Tonfeld, Ego-State-Therapie etc. etc. etc. arbeiten, wenn er dies auf Grund seiner Ausbildung und seiner Praxiserfahrung verantworten kann. Andernfalls ist er „eine Gefahr für die Volksgesundheit.“

Frage 23 // 17 (P 16-2): Einfachauswahl. Das Verhalten eines Patienten erscheint Ihnen sonderbar, bizarr, gekünstelt, unnatürlich. Welcher psychopathologische Begriff trifft hierfür am ehesten zu?
A Parathymie
B Affektlabilität
C Logorrhö
D Manierismen
E Mutismus
D ist richtig. Nicht verwechseln! Manieriertheit ist etwas Anderes als Parathymie! Wenn jemand beispielsweise bei einer Beerdigung fröhlich ist oder lächelnd erzählt, dass man ihn umbringen wolle, passen Emotion und Verhalten nicht zusammen (= Parathymie). Bei Manierismen hingegen bewegen sich die Betroffenen bizarr und unnatürlich. Ihre Redeweise ist gestelzt, schwülstig, pathetisch. Auch die Mimik ist „gekünstelt und aufgesetzt“. Manierismen sind typisch für die hebephrene Schizophrenie.