Archiv für den Monat: Oktober 2015

Heilpraktiker für Psychotherapie: Erlaubte Therapieverfahren – was darf man im Mündlichen sagen?

1. Immer wieder werde ich in meinen Kursen wie auch in meinem Blog gefragt, welche Therapieverfahren ein HP-Psych anwenden bzw. mit welchen Klienten er arbeiten oder auch nicht arbeiten darf. Dies Frage ist relativ eindeutig zu beantworten, wenn es um die schriftliche Prüfung geht: für jeden Heilpraktiker gelten die Prinzipien der Therapiefreiheit und der Sorgfaltspflicht. Ein Heilpraktiker für Psychotherapie darf also jede Art von Psychotherapie anwenden, wenn gewährleistet ist, dass er auf Grund seiner Ausbildung „die Befähigung hat, Patienten entsprechend der Diagnose psychotherapeutisch zu behandeln“. Ein HP-Psych darf somit verhaltenstherapeutisch arbeiten, wenn er eine fundierte Ausbildung hierzu absolviert hat; deshalb darf er auch – wie in einer Prüfungsfrage der Herbstprüfung 15-2 – Störungen behandeln, für die i.d.R. die Verhaltenstherapie angewandt wird. Er darf natürlich auch mit Hypnose arbeiten, mit Kunst-, Gestalt- und Gesprächstherapie, mit systemischer Familientherapie, Tanztherapie, Arbeit mit dem Tonfeld etc. Und: Er darf auch psychoanalytisch arbeiten, wenn er eine entsprechende Ausbildung (z.B. als Laienanalytiker) absolviert hat. Einige Fragen zum Thema „Welche Therapieverfahren darf ein HP-Psych anwenden?“ finden Sie unter Punkt 3.

In diesem Zusammenhang noch ein Wort zum Begriff „Psychotherapie„: Das Wort Therapie kommt vom griechischen „therapeia“ und bedeutet: „Heilung/Linderung einer Erkrankung“. Psycho-Therapie bedeutet somit: Heilung oder Linderung einer psychischen Erkrankung. Wenn jemand allerdings ein Verfahren gelernt hat, mit dem man vorwiegend mit Gesunden arbeitet (z.B. Coaching; Lebensberatung), so zählt dies nicht zur Psychotherapie. Wenn jemand damit – als HP-Psych oder Laie – psychisch Kranke behandelt, ist er ebenso eine „Gefahr für die Volksgesundheit“ wie ein großer HP oder HP-Psych, der mit einem Wochenendkurs Hypnose, Gesprächstherapie oder Familienstellen Menschen mit einer Angststörung, einer Zwangserkrankung oder einer PTBS zu behandeln versucht.

2. Schwieriger ist die Beantwortung der Frage, wenn es um die mündliche Prüfung geht: da wollen die Prüfer nicht wissen, welche Therapie Sie „grundsätzlich“ ausüben dürfen, sondern ob Sie die in der Fallgeschichte diagnostizierte psychische Störung mit Ihrer Art von Psychotherapie behandeln oder an einen „Experten“ abgeben. In meinem Buch „Sicher durch die mündliche Prüfung“ habe ich deshalb die unter (1) genannten Aussagen etwas relativiert, denn im Mündlichen hat es der Prüfling mit Prüfern zu tun, die entweder Anhänger der Psychoanalyse sind (augenblickliche eher selten) oder sich der Verhaltenstherapie verschrieben haben. Meist ist unter den Prüfern ein Psychologischer Psychotherapeut: Die Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten umfasst mindestens 4.200 Stunden, sie dauert in der Vollzeitform mindestens 3 Jahre und in der berufsbegleitenden Form mindestens 5 Jahre. Hier wäre es unklug zu behaupten: Ich habe eine Ausbildung in VT gemacht und werde den Klienten mit seiner Phobie/Angststörungen/Zwangsstörung/Depression verhaltenstherapeutisch behandeln. Besser ist es zu sagen: Bei einer Phobie/Zwangsstörung etc. hat sich die VT bewährt… Ich werde den Klienten also raten, zu einem Verhaltenstherapeuten zu gehen. Meist kommt dann die Zusatzfrage: Welche Art von VT ist hier am besten geeignet (klassische VT? Kognitive VT? Muss der Prüfling erklären können!).

Zur Illustration hier noch ein Beispiel: In einer mündlichen Prüfung ging es kürzlich um einen jungen Mann mit einer Agoraphobie. Die Frage an den Prüfling: „Wie gehen Sie hier therapeutisch vor? -“ Prüfling (Ausbildung in Gesprächstherapie): „Eigentlich dürfte ich den Klienten behandeln, aber bei Phobien hat sich die VT bewährt.“ – Prüferin am Ende der Prüfung: „Nicht bestanden. Ihr größter Fehler war zu sagen, Sie dürften den Mann behandeln – das dürfen Sie nicht!“

3. Welche Therapieverfahren darf ein Heilpraktiker für Psychotherapie ausüben?
Hier einige Originalprüfungsfragen der Jahre 2003 bis 2015:

Prüfung 2003: Mehrfachauswahlaufgabe. Ein Therapeut besitzt eine auf das Gebiet der Heilkundlichen Psychotherapie beschränkte Erlaubnis nach dem Heilpraktikergesetz. Welche der folgenden Verfahren oder Techniken darf dieser Therapeut anwenden? Wählen Sie drei Antworten!
□ A Entspannungstraining
□ B Psychoanalyse
□ C Akupressur
□ D Testpsychologische Untersuchungen
□ E Sauerstoff-Mehrschritt-Therapie zur Krebsbehandlun

Frage 1 (P 13-1): Aussagenkombination. Welche der folgenden Verfahren zählen zu den Psychotherapieverfahren?
(1) Hypnose
(2) Gestalttherapie
(3) Lichttherapie
(4) Psychodrama
(5) EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing)

□ A Nur die Aussagen 1 und 2 sind richtig
□ B Nur die Aussagen 1 und 4 sind richtig
□ C Nur die Aussagen 3, 4 und 5 sind richtig
□ D Nur die Aussagen 1, 2, 4 und 5 sind richtig
□ E Alle Aussagen sind richtig

Frage 27 (P08-2): Aussagenkombination. Welche der folgenden Verfahren zählen zu den Psychotherapieverfahren?
(1) Hypnose
(2) Gestalt-Therapie
(3) Elektrokrampf-Therapie
(4) Psychodrama
(5) Homöopathie

□ A Nur die Aussagen 1 und 2 sind richtig
□ B Nur die Aussagen 1 und 4 sind richtig
□ C Nur die Aussagen 3 und 5 sind richtig
□ D Nur die Aussagen 1, 2 und 4 sind richtig
□ E Alle Aussagen sind richtig

Frage 16 (P 15-2): Aussagenkombination. Inhaber einer auf das Gebiet der Psychotherapie beschränkten Heilpraktikererlaubnis sind grundsätzlich berechtigt zur psychotherapeutischen Behandlung von Patienten mit:
(1) Tic-Störung
(2) Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung
(3) Anpassungsstörung
(4) Angststörung
(5) Exhibitionismus

□ A Nur die Aussage 4 ist richtig
□ B Nur die Aussagen 2 und 3 sind richtig
□ C Nur die Aussagen 1, 2 und 4 sind richtig
□ D Nur die Aussagen 1, 3, 4 und 5 sind richtig
□ E Alle Aussagen sind richtig

HP-Psychotherapie: Schriftliche Prüfung vom Oktober 2015

Die schriftliche Prüfung vom Herbst 2015 (Heilpraktiker für Psychotherapie) war nicht leicht. Einige Fragen waren in den letzten 20 Jahren noch nie Thema – z.B. Fragen zur schizotypen Störung; oder dass Alzheimer und vaskuläre Demenz gemeinsam auftreten können (ICD-10/F00.2). Auch dass ein HP-Psych Tic-Störungen, ADHS oder Exhibitionismus behandeln darf, wenn er eine entsprechende Ausbildung (z.B. VT) absolviert hat, hat einige Teilnehmer verwirrt.

Auch die Frage zu den Ursachen für eine Intelligenzminderung empfanden viele Teilnehmer als schwierig. Wichtig hierbei: eine Intelligenzminderung entsteht meist (aber nicht immer) durch eine Schädigung im Mutterleib, bei oder kurz nach der Geburt. Allerdings gibt es auch Schädigungen des Gehirns zu einem späteren Zeit der frühkindlichen Entwicklung. Bei Wikipedia findet sich als Ursache einer Intelligenzminderung z.B. auch eine angeborene Hypothyreose oder eine Maserninfektion. Die Frage war eine „Falle“, denn bei einer normalen Hypothyreose (z.B. im Erwachsenenalter) ist die Folgeerkrankung eventuell eine Demenz, keine Intelligenzminderung. Unter Wikipedia finden sich als Ursachen für eine Intelligenzminderung:
• Pränatal genetisch-chromosomal (z.B.Trisomie 21) oder stoffwechselbedingt (z. B. Phenylketonurie oder Galaktosämie),
• Pränatal umweltbedingt. Viruserkrankungen (z. B. Röteln) oder Intoxikationen (Medikamente; Drogen wie Alkohol) und Hypoxien (z. B. durch mütterliches Rauchen während der Schwangerschaft).
• Pränatal multifaktorielle Ursachen sind bedingt durch hirnorganische Entwicklungsdefekte mit Epilepsien oder Hydrocephalus in der Folge.
• Perinatale Ursachen: Frühgeburtlichkeit oder Geburtstraumen.
• Postnatale Ursachen: Infektionen (z. B. Meningitis oder Enzephalitis), endokrinologisch (z. B. durch eine Hypothyreose); Impfschäden.

Zu Frage A16/B11: Was darf ein Heilpraktiker für Psychotherapie behandeln?
Grundlage hierfür ist das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 21.1.1993, deren zwei wichtigsten Punkte bei der Beantwortung obiger Prüfungsfrage hier zusammengefasst werden:
● Der Prüfling muss „die Befähigung haben, seelische Krankheiten und Leiden … als solche zu erkennen … um therapeutisch auf den Befund so zu reagieren, dass der Patient durch die konkrete Behandlung keinen gesundheitlichen Schaden erleidet.“
● Der Prüfling muss „die Befähigung besitzen, Patienten entsprechend der Diagnose psychotherapeutisch zu behandeln.“ Voraussetzung hierfür ist eine Ausbildung in einem psychotherapeutischen Verfahren, das nach allgemeinem Wissensstand i.d.R. für die entsprechende Störung angewandt wird. Häufig ist dies – z.B. bei leichteren Formen von ADHS, vorübergehenden Tic-Störungen, Angststörungen und Exhibitionismus – die Verhaltenstherapie. Jemand, der eine fundierte Ausbildung in Verhaltenstherapie absolviert hat, kann also durchaus auch einen Klienten mit Exhibitionismus behandeln, wenn er/sie hier schon Erfahrungenm gesammelt hat. Dass Exhibitionisten meist keine Krankheitseinsicht zeigen und i.d.R. nicht freiwillig in die Praxis kommen, sei nur nebenbei bemerkt.

Noch ein Wort zu psychischen Erkrankungen, die einen „Straftatbestand“ erfüllen: Wenn jemand unter seiner Störung leidet und bei einem HP-Psych Hilfe sucht, kann dieser eine Behandlung zwar ablehnen, darf aber auch Hilfe leisten, wenn er sich dazu befähigt fühlt und eine entsprechende Ausbildung absolviert hat. Ausnahme: Ein Klient erzählt mir, dass er ein schweres Verbrechen wie z.B. einen Mord oder eine Geiselnahme plant (!!!). In diesem Fall bin ich rechtlich verpflichtet, dies der Polizei zu melden (§ 138, StGB). Aus § 138/StGB geht indirekt aber auch hervor, dass ein Arzt oder Therapeut sich nicht strafbar macht, wenn er weniger schwere Vergehen nicht anzeigt. Auch bei früher vergangenen leichteren Verstößen gegen das Gesetz unterliegt er – ähnlich wie ein Anwalt oder ein Priester – der Schweigepflicht.

Unsere Lösungsvorschläge für beide Gruppen der schriftlichen Prüfung (Heilpraktiker Psychotherapie) finden Sie auf der Website des Forums Gilching unter
Forum-Gilching.de (Prüfung Oktober 2015)